Verstörung und Abschied

terrassen

Karl Gong, der die verstörendsten Knospungen seines Liebeslebens nach eigener Aussage dem deutschen Weinbau verdankte, erwarb für eine Weile nur noch Sechserträger mit verschiedenen “Kraftbieren” (Gong) zum Zwecke der Beziehungsanbahnung, jedoch fanden diese vor allem wegen der von ihm bevorzugten “sexistischen Etiketten”, wie eine Zielperson beim Aufhebeln der Flaschen am Küchentisch reklamierte, weniger Anklang als, zum Beispiel, ein gepflegter Roter aus Jessen/Elster, und das Scheitern einer Beziehung, so Gong, ist ja zumindest schöner als das komplette Ausbleiben einer solchen, weshalb auch in diesem Jahr wieder ein Ausflug an den Kaiserstuhl auf dem Einkaufszettel steht.

Im Überschwang

vodka

Wohlsein! Prost! Das Wässerchen im Glas
perlt nur schüchtern, doch verheißt es Spaß.
Und die goldnen Sternlein am Pullunder
blinken hell und wild wie frischer Zunder.
Wär grad Frühling, rollten wir durchs Gras
oder flögen durch das Wasser wie die Flunder.
Auf der Welt bin ich, es ist ein Wunder!
Darauf lass uns trinken ohne Maß!

SiKE

sike

Ich lernte einst das Reisen von der Pike:
Zu Fuß, auf Velo, Kutsche, Ross.
Nie hörte ich von einem Fahrzeug “SiKE”.
So wandte ich mich an den Bahnhofsboss.

Der sieht mich an, entfernt bald seine Brille,
und, während er an dieser putzt und wischt:
“Mein Lieber, hörst du nicht die Stille?
Es hat geschneit. Hier fährt heut niemals nischt.”

Zur Kur

lokomotivbau

Karl Gong, der zur Kur in einer dieser bemitleidenswerten Kleinstädte In The Middle Of Nowhere weilte, um seinen Blutdruck unter die Schwelle absenken zu lernen, oberhalb derer er für seine Mitmenschen gefährlich sein könnte (Explosionsgefahr), wäre beinahe von der dampfbetriebenen Straßenbahn des Ortes überfahren wurde, weil es in seinen Ohren so sehr rauschte, und in einer ersten Aufwallung wollte er schon, fäusteschwingend und übermäßig alles mögliche durch seinen Körper pumpend, über den Heizer herfallen, der lässig aus dem Seitenfenster hing und einen Stumpen Dominikanische im Mundwinkel balancierte, da erblickte er die massive VEB-Plakette an der Lok, und Tränen schossen aus seinen Augen (Druck), denn genau diese Plaketten hatte sein Onkel Heinz-Jürgen in Babelsberg “aus dem Stück gefeilt”, geschliffen und schließlich mit Zahlenstempel und Hammer numeriert. 1953! In dem Jahr, in dem die Westzonen ein Gesetz erlassen mussten, das den Zustrom ihrer frustrierten Bürger zur Fremdenlegion eindämmen sollte, hatte sein Onkel Heinz-Jürgen seinen Beitrag zum friedlichen Aufbauwerk geleistet, bevor er auf der Parteischule lernte, dass es noch viel geilere Dinge gibt, als Plaketten zu feilen, was aber, wie wir heute wissen, nicht stimmte. In Karl Gong jedenfalls stieg plötzlich eine große Ruhe und Gelassenheit auf, denn er spürte in diesem Moment den Atem der Geschichte, der ihn erfrischend abkühlte und lehrte, dass etwas bleibt vom Leben, unzerstörbar, ewig, wenigstens eine formschöne Plakette mit relevanten Informationen, und sein Blutdruck fiel unter die magische Marke, allerdings nur so lange, bis sich der erste PKW des Tages mit Arschkraft durch die bemitleidenswerte Kleinstadt drängte.

Vom Haus

schwebend

Ich hatte mich mit dem Haus verzankt, es ging um das Anbringen von Bildern, genauer gesagt: Das Einschlagen von Nägeln oder, wenn die Bilder zu gewichtig waren (bedeutende bzw. mit Ölfarben aasende Künstler), auch das Setzen von Schrauben mittels Bohrmaschine und Dübel.

“Ich halte das nicht mehr aus mit dir (du Vogel)!” hatte das Haus gesagt und war einfach so in der Dunkelheit verschwunden. Immerhin ließ es mir das Dach da, denn ein Dach über dem Kopf, und so weiter, weiß man ja. Das Dach allerdings war das, was sowieso am wenigsten taugte an der ganzen Stellage, es fehlten die Ziegel, schon immer, und so stand ich buchstäblich im Regen, denn nun war auch die fein gegossene Filigrandecke nicht mehr da, sondern weg mit dem Haus. Zum Glück regnete es keine Buchstabensuppe (Scherz, missglückt).

Der Nachbar half mir mit ein paar Stangen aus, so konnten wir zumindest die ursprüngliche Höhe des Hauses simulieren und den Traktor unterstellen, wenn er mal da war.

Das Haus schrieb mir sehr viel später eine Ansichtskarte, es ging ihm besser als damals mit mir, die leserliche Unterschrift lautete “Mobile Home, Utah”, und im ersten Augenblick dachte ich “Hallo? Uta?”, aber dann, klar, mit h.

Ich gab die Hoffnung auf, dass es wiederkehren würde und bestellte beim Nachbarn Bretter für Hauswände, die bis heute nicht fertig geworden sind.

Schöner Abend

kasslerbraten

Wir aßen, nebst Salaten,
gebratnen Kasslerbraten
an Soße, Kraut und Klößen
in ausreichenden Größen.

Das ging nicht ohne Bier.
Wir zählten schließlich vier.
Der Kellner zählte acht.
Was haben wir gelacht.

Dann rollten wir nach Hause
und machten eine Pause.

Rüpelradler

klingel

Ich besitze eine reelle
vergoldete Klingelschelle.
An die ist mein Fahrrad geschraubt.
Wer sie hören muss, ertaubt.
Ich hüte sie wie einen Schatz.
Platz!
Ohrgestöpselter  Wicht!
Hörtest du Subjekt meine güldene Klingel nicht?

Im Lichte betrachtet

schatten

Obwohl Karl Gong, dem Dialektiker, nichts ferner lag als Schwarzweißdenken, fragte er sich manchmal, wenn die Sonne auf besonders unverschämte Weise in die Kemenaten bretterte, so dass sie sägende Schatten auf den Fußboden warf, ob er sich nicht auch gelegentlich klarer positionieren sollte, schärfer sein in seinen Urteilen, unversöhnlicher den Feinden und enthusiastischer den Freunden gegenüber, nicht so lau und zögerlich und aufs Gramm abwiegend und vorsichtig mit Zwischentönen hantierend, sondern im harten Licht der eingebildeten Wahrheit das Dunkle, das Böse benennen und geißeln usw. usf. –lange und unangestrengt guckte er in solchen Momenten auf seine Füße, dachte nochmals erschöpfend nach und entschied endlich: Nö.

Wie das eben so geht

grossblock

Pitti baut ein Haus.
Großblock muss es sein.
Es fehlt ihm die Zeit
für den Einzelstein.

Steht es nicht famos
mittendrin im Park?
Klappt mit Mörtel nicht
(angerührt aus Quark,

Kuhmist, Kalk und Stroh)!
Heute wird gesteckt!
Und ist es dann alt
oder leicht verdreckt,

wird’s mit Rotweißband
säuberlich verhängt
und mit TNT
in die Luft gesprengt.

Effiziente Motorisierung

busanhaenger

Als Karl Gong, der bekannte Weltreisende, in einer der beliebtesten Städte der Welt weilte, öffnete sich für ihn in einem der beschaulichen und beliebten Siedlungsgebiete dieser Stadt ein Zeitstrahl in seine ostzonale Vergangenheit, der von einem Bus mit angehängtem Anhänger (was für ein grauenhafter Ausdruck, aber es lässt sich nicht anders beschreiben) befahren wurde. Denn angehängte Busanhänger hat er nicht mehr gesehen, seit er in den Siebzigern in solchen über baumbestandene Landstraßen geschleudert wurde, gemeinsam mit dichtgedrängt vor sich hin dampfenden Werktätigen aus der Glasseide, der Schuhfabrik, dem Elektrobau, der Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises, der Zuckerbude, dem Landbaukombinat und so weiter. Diese Reisen erschienen irgendwann sogar den Verantwortlichen als so gefährlich und verantwortungslos, dass die Busse samt Anhängern irgendwann spurlos verschwanden und durch Ziehharmonikakästen aus ungarischer Produktion sowie zaghafte Individualmotorisierung ersetzt wurden. In der beliebten, übervölkerten Stadt jedoch karriolten sie wie selbstverständlich herum, zwar eckig anstatt harmonisch abgerundet, aber doch selbstbewusst und fast so lang wie einige der Straßen im betreffenden Siedlungsgebiet.