Die orange Orange

Vor einem Obstkorb, in dem sich eine Orange befindet, steht ein Weihnachtsmann (Beispielfoto)

Der kleine Herr Schönleben stand vor dem Obstkorb und dachte nach. Im Obstkorb vor ihm lag eine Orange. Schönleben trug noch das Weihnachtsmannkostüm, das er, soviel musste er in seinem Inneren nun doch einräumen, aus dem Getränkemarkt von Herrn Nitzsche entwendet hatte, als er von diesem am Heiligabend eingeladen worden war. Das Kostüm hielt sehr schön warm, und draußen war es noch kalt. Wieso sollte er es nicht auftragen, bis er irgendwann vom Gesundheitsamt die Anweisung bekommen würde, endlich aus dem Haus zu gehen und Getränke anzuschaffen, um nicht zu dehydrieren? Dann könnte er mit seiner Dieselameise, die Kapuze böse über den Kopf gezogen wie ein Repper, bei Nitzsche aufkreuzen, ihm lässig das Kostüm auf den Tresen legen und durch die kleinen Zähne murmeln: „Drei Kraftbier, aber dalli, Freundchen! Und eins machen wir hier gleich alle, oder, alter Nikolaus?“

Diese Aussicht stimmte den kleinen Herrn Schönleben sehr vergnügt, er begab sich wieder in die Tiefen seines Bettes und hatte ein gutes Gefühl, weil er die hübsche Orange am Leben gelassen hatte.

Leugnen zwecklos

Schnee fällt von unten (Beweisfoto)

Kurz bevor der böse Winter sich dünne macht, sei noch einmal darauf hingewiesen, dass in dieser Zeit, in der so vieles durch behördliche Anordnungen usw. anders bzw. gänzlich aus den Fugen geraten ist, der Schnee verschiedentlich von unten nach oben fiel, eine Tatsache, die in den sogenannten etablierten Medien keine Beachtung fand.

Der glücklich bewältigte Auftrag

Der kleine Herr Schönleben war glücklich, in einer namhaften Agentur seinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten zu dürfen, auch wenn der Artdirektor diese Leistung regelmäßig beim Morgenappell (Video) in Zweifel zu ziehen pflegte.

Beim aktuellen Auftrag indes würde ihm das nicht passieren, dachte der kleine Herr Schönleben, auch wenn das Kleidungsstück, das er seit Wochen trug und freudig bejahte, sein Gehirn über das verträgliche Maß hinaus erhitzte. Bei der geforderten Arbeit ging es um das Werbeplakat für ein Kreuzfahrtschiff, die „Vera“, und Schönleben streifte, statt sich mit Filzstiften und Pinseln abzuplagen, von einer glücklichen Ahnung befeuert, durch die WG-Zimmer. Da hing es, an der Wand, fein gerahmt, unglaublich schön und in aktuellem Stil gezeichnet! Selbst den Text konnte man unverändert übernehmen, wenn er das Gebrüll des Chefs am Telefon richtig in Erinnerung hatte, irgendwas mit Vera und Cruzes.

Der kleine Herr Schönleben fummelte das Bild aus dem Rahmen, ließ es, ohne größere Schäden zu verursachen, durch das Faxgerät laufen, seufzte ob der getanen Kreativarbeit, schleppte sich in sein Zimmer, ließ sich rücklings aufs Bett fallen und schlief sofort ein.

Wiederkehrendes Vorkommnis

Auf der Flucht (Beispielfoto)

Da war wieder dieses Geräusch! A. Nitzsche sprang behende zur Tür hinaus auf den Hof und konnte gerade noch sehen, wie der Problembär den eben abgebrochenen Stern von Professor Schnerzels Automobil im Overall verschwinden ließ, johlend zur Zugmaschine rannte, die mit laufendem Motor wartete, aufsprang und mit quietschenden Hartgummireifen verkehrtherum in der Einbahnstraße verschwand, um im Saunaparadies die bestellten Kraftbierfässer auszuliefern. Seufzend wandte sich A. Nitzsche um, stapfte an die Kasse, nahm vom Professor unter Vollzug mehrerer unterwürfiger Bücklinge („Darf ich Ihnen heute zehn Prozent Rabatt anbieten, Verehrtester?“) die erkleckliche Summe von 240,99 „Taler, hahaha“ entgegen (für die Gattin nur der beste Roséwein) und betete inständig, dass die hereinbrechende Dunkelheit das Fehlen des Sterns unbemerkt bleiben ließe. Schließlich, das wusste A. Nitzsche, parkte der Wagen derzeit auf der Straße, weil die Garage des Professors frisch tapeziert wurde. Und da kann man als Besitzer eines Mercedes „froh sein, dass niemand ein Stück Kohlenanzünder auf den Reifen legt, ein abgebrochener Stern ist dagegen eine Lappalie, der soll sich nicht so haben“ (Problembär).

Pferde, Yoga und Schweigen

Grundstück Gong, Abfluss Pferdetränke, Holde im Anmarsch

Seit Corinna in sein und das Leben der meisten anderen getreten war und die Menschen sich in einer Weise aus dem Wege gingen, die er eigentlich schon immer als die gebotene Umgangsform betrachtete, konnte Karl Gong, wenn er nicht gerade in der Reichweite seiner Unangetrauten oder eines ihrer gefährlichen Werkzeuge weilte, seine Gedanken in der ihnen gemäßen Form entwickeln, mäandernd, fließend, strömend, kein Punkt unterbrach ihre logische Abfolge, schön und rund und klar reihte er sie aneinander, ohne dass jemand reinquatschte, ihn unterbrach, um irgendwelche unausgegorenen Dummheiten ins Gespräch zu werfen, eine Unsitte, die er noch mehr hasste als lautes, auswerfendes Räuspern im Lichtspieltheater, ungestört also konnte Gong leise vor sich hin quasselnd über Land wandeln, bis er endlich, wie einst Jimi Hendrix am Ende seiner tränentreibenden Soli, schlafwandlerisch zum Fazit kam, zur Pointe, zum Abschluss, kein Ausfasern, kein Verläppern, kein Fade-out, Punkt und gut.

„Wirst du jetzt endlich mal abwaschen?“ knurrte die Holde, „Oder soll ich in dieser vermüllten Kackküche den Kuchen für die Yogagruppe backen?“

Karl Gong seufzte, ließ Wasser in die Spüle und stellte sich vor, wie die Unangetraute still in der Position Urdhva mukha svanasana vor ihm verweilen würde.

Party?

Wer dir einen Vogel raubt,
ist zur Feier nicht erlaubt,
ist gewiss nicht zugelassen,
kuckt verstimmt, wie andre prassen.

Selber schuld, doch kurze Frage
zu den Regeln dieser Tage:
Wieviel dürfen abends hocken,
Bier und Gummitiere schlocken?

Wer wieviel plus Hausstand eins
(eine, drei, sechs oder keins)?
Täglich wandelt sich die Regel.
Ich setz trotzdem schon das Segel.

Eisbaden mit Frau Schröder

Eis (Beispielfoto)

Ich inspizierte auftragsgemäß die seit Monaten geschlossene Schwimmhalle. Es war darinnen unglaublich kalt, fast fühlte es sich kälter an als draußen, wo eine besonders rücksichtslose Version des Winters seit Tagen die Herrschaft übernommen hatte. Eine dicke Eisschicht bedeckte offensichtlich das gut gefüllte Schwimmbecken. Auf der Mitte des Beckens stand eine Frau, komplett unangezogen. Vor ihr war ein perfekt rundes Loch ins Eis gehackt. Als ich mit Fragezeichen in den Augen zu ihr trat, stellte sie sich vor als Frau Schröder aus der Klautstraße 37, Personalausweisnummer soundso.

„Möchten Sie mit mir eisbaden?“ fragte sie mit einem Ton in der Stimme, der keine Ausflüchte zuließ, wenn ich nicht als Memme dastehen wollte.

„Unbedingt!“ erwiderte ich und fragte mich gleichzeitig, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte.

Frau Schröder, die besonders aufgrund ihrer Nacktheit eine hohe Anziehungskraft verströmte, sah mir beim Entkleiden zu, drehte sich, als ich bei der Unterhose angekommen war, plötzlich um und hechtete in das Loch. Mein Gott, dachte ich, jetzt isse weg, und sprang hinterher.

Das Wasser war erfrischender, als ich geglaubt hätte, es war, wie in einem Kübel voller Crushed Ice ums Überleben zu kämpfen, während der Bartender den ganzen Schlamassel leidenschaftlich hin und her schüttelte. Hinzu kam die Schwierigkeit, nach dem ausgiebigen Tauchgang in beinahe besinnungslosem Zustand wieder zum Eisloch zurückzufinden, um Luft zu schnappen. Das Loch war gerade groß genug, um mit Frau Schröder gemeinsam den Kopf aus dem Eiskübel zu recken und mit pfeifendem Geräusch Luft in die leeren, flatternden Lungen zu saugen. Dabei berührten sich unsere Körper aufs vortrefflichste, jedoch war dieser erfreuliche Zustand immer nur von kurzer Dauer und ließ bei den gegebenen Temperaturen keine Besorgnisse hinsichtlich ungewollter Schwangerschaften usw. aufkommen.

Nach dem Bade kleideten wir uns an und verabschiedeten uns mit Handschlag, desinfizierten die sich berührt habenden Körperstellen; Frau Schröder besuchte, ausgerüstet mit einem dehnbaren Netz aus kunststoffhaltigem Gewebe, die Kaufhalle, und ich kehrte zurück ins Amt für Grünflächen, Schwimmstellen und Elektrofahrräderparkplätze.