Das schlampige Sonett vom Matsch

Winter kippt mit Matsch und Grau
Trübsal über Mann und Frau
und die andern Gender.
Was für ein Verschwender!

Alle liegen nur im Bett,
werden träge, werden fett.
Würd‘ er Sonne scheinen lassen
träfen sie sich in den Gassen,

wohlgemut im kurzen Rock,
schluckten Nudeln frisch vom Wok,
tränken Wein und Bier en masse.

Doch im Freisitz matscht der Schnee,
und die Frau zum Mann sagt: „Nee.
Das macht heute keinen Spaß.“

Kleine Bildbeschreibung

Mit einer bisher nie dagewesenen Dramatik überrascht die Abbildung der Smirnow-Methode. Alle Protagonisten sind in heilloser Bewegung begriffen, Münder stehen keuchend offen, Hände bewegen sich unabhängig von den zugehörigen Armen, Gesichter sind maskenhaft verzerrt. Was ist vorgefallen? Ein Werktätiger schreitet, möglicherweise unter dem Einfluss von Drogen (Alkohol) über alle Hürden hinweg, die ihm durch schöpferische Pläne (persönliche oder kollektive) sowie die Vorgaben des sozialistischen Wettbewerbs in den Weg gestellt werden. Kann das gutgehen? Die anderen Werktätigen, besonders die schöpferische (?) Intelligenz scheinen anderer Meinung zu sein. Sie versuchen, ihn zur Umkehr zu bewegen, ihn gar mit einem Rechenschieber zu Fall zu bringen. Aber unter dem wehenden Banner der Smirnow-Methode biegt der betreffende Werktätige entschlossen nach links ab, nicht ohne vorher die Richtung ordnungsgemäß anzuzeigen. Ein in seiner Rigorosität verstörendes Abbild kollektiver Prozesse der sozialistischen Produktion, das mich zum Nachdenken anregt.

Neu bei Nitzsche

Attraktiv gekennzeichneter Marktbereich

Aufgrund des Versagens der regulären Lieferketten bin Ich Herr Getränkehändler A. Nitzsche in Machern (man muss nur machern) gezwungen, auf alternative Logistikanbieter zurückzugreifen (Verbotene Fracht). Die Produkte in den entsprechend (attraktiv) gekennzeichneten Marktbereichen sind aus Gründen mit einem Aufschlag von 180% (bei Bedarf aufgerundet durch den Hofarbeiter) versehen und werden von Meinen Kunden gern erworben. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef

Neue Preise

Aufgrund der weltweiten Lieferkettenstörungen, des Chipmangels und einer Laune der Geschäftsführung haben wir unsere Preise anpassen müssen, wie Sie bitte unserem obenstehenden Inserat entnehmen möchten. Wir wünschen weiterhin viel Freude mit unseren Produkten, die jetzt noch billiger sind, obwohl wir uns das gar nicht leisten können.

Widerstand

Jajaja, wir wissen schon,
NO ist wohl der neue Ton.
Immer „nein“ auf jede Frage,
beinah wird es schon zur Plage.

Neeneenee, ich stimm nicht zu,
keine Panik, bleib ganz ru-
hig, ich werd mich nicht vergessen,
einmal YES mir abzupressen.

Ja, ich bleib im Widerstand.
NEIN! Wogegen? Unbekannt.

Post von außerhalb

Mond (Foto: Klaus-Jürgen)

Klaus-Jürgen, ein befreundeter Milliardär, schickte mir dieses Foto exklusiv zur Veröffentlichung. Er befindet sich gerade auf einer sogenannten Mond-Mission (Umrundung, Landung, Pressekonferenz, Rückflug) in seiner selbstentwickelten Mondfähre (KJürgXXXXX2). Es geht ihm gut, das Essen schmeckt, die Dusche ist auf dem Flur und die Windeln stinken. Eintritt in die Erdatmosphäre x+2300 (oder so).

Kleine Bildbeschreibung

Im Rahmen der Kowaljow-Methode patrouillieren jeweils drei Werktätige auf einem klassischen UFO (mit Gasgriff wie beim Motorrad) über dem Betriebsgelände. Es besteht keine Helmpflicht, außer für Mitarbeiter, die Verschwörungserzählungen anhängen („Q“). Wenn in einer der Hallen etwas faul ist bzw. „stinkt“, überprüft die Patrouille, ob das Dach des Gebäudes ordnungsgemäß aufgeklappt ist, damit der unangenehme Geruch entweichen kann. Wenn nicht, muss der stets an Bord befindliche vierschrötige Schrat hinabsteigen und das Dach öffnen. Alle UFO-Piloten erhalten diverse Gefahrenzulagen, so können sie sich auch beim Friseur das teure Ondulieren des Haupthaares leisten. Das Bild ist sehr anschaulich gezeichnet, besonders das Klappdach, und es regt mich zum Nachdenken an.

Meine schönste Flugreise

Nowaja Semlja (Beispielfoto)

Setz dich auf den Schemel da.
Es ruft Nowaja Semlja
mit der Kraft der Schallmusik.
Halt dich fest an diesem Strick.

Auf dem Rollfeld herrscht Alarm.
Schreiend rennen sie im Schwarm
um den alten Jet herum,
schrauben viel und gucken dumm.

Hast du wirklich echt erwartet
dass die Kiste sofort startet?
Geh noch schnell nach Käsebroten,
Wodka für den Chefpiloten.

Irgendwann erfolgt ein Ruckeln.
Hinter einem Trecker zuckeln
wir nach siebzehn Stunden schon
hin zur Abflugposition.

Der Natschalnik hebt die Kelle
und wir leeren auf die Schnelle
auch zwei Gläser. Alle Proost!
Auf geht es ans Eismeer Oost.

Unten winken die Cousinen
neben blinkenden Maschinen,
die nach Moskau destinieren,
voll mit bunten Offizieren.

Oben johlen wir enthemmt,
weil das Höhenruder klemmt.
Und wir steigen, welche Ehre,
singend in die Stratosphäre.

Nicht neu bei Nitzsche

Die degenerierte Hofarbeiterklasse ist eine Schande für Herrn Lenin!

Wenn Ich A. Nitzsche Getränkehändler in Machern (man muss nur machern) einmal die Komfortzone Meines Chef-Bureaus verlasse befinde Ich Mich sofort in Sodom Ortsteil Gomorrha! Wüstenei Scherben und der Geruch von altem Bier vermischt mit den Flüchen des Hofknechtes Welcher unter dem Stapler begraben liegt oder neben diesem Seinen Rausch ausschläft. Leider kann Ich nicht durchgreifen ohne Hände außerdem Arbeitsgesetzbuch mit welchem Er die Schläge meines Kantholzes abwehrt (Kraft Marga Kurs von Gewerkschaft bezahlt). Im Getränkemarkt also nichts Neues. Beehren Sie mich mit Ihrem Besuch. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef

Von der Schalldämmung

Karl Gong, dem zu Weihnachten von der Unangetrauten eine sogenannte „Hi End“-Musikanlage dargebracht worden war, jedoch nicht ohne die mit Schmelz in der Stimme vorgetragene Bemerkung, dass er sie ja eigentlich nicht wirklich verdient habe, da doch durchaus einige dringende Arbeiten auf dem Grundstück nicht wie erwartet erledigt worden waren, wenn auch aus Gründen möglicherweise unverschuldeten Materialmangels, was sie zwar bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen könne, sie lese ja auch die einschlägigen Presseorgane zu den Themen Versorgungsnot und Bauholzpanik, aber mit dem richtigen Engagemant hätte sich vielleicht doch der eine oder andere Weg aufgetan, um zum Beispiel die Futterküche mit einem weiteren Stockwerk zu versehen, seis drum, er dürfe nun jedenfalls nach vollbrachtem Tagwerk seine albernen Vinyl-Schallplatten, sie sprach dabei das „Vinyl“ mit einem ironischen Zungenschlag aus, in etwa „Vinöl“, auf einer nun doch vorzeigbaren technischen Einrichtung abspielen, aber nur, wenn er auch für eine gewisse akustische Entkopplung von den sonstigen baulichen Einrichtungen auf der Liegenschaft sorgen würde, Karl Gong also machte sich hüpfenden Herzens auf den Weg, stöberte auf Müllhalden und bei Antiktrödlern so lange herum, bis er einige ausrangierte Kaufhausverkleidungen aus DDR-Zeiten auf seinen P70 (Dachgarten) laden konnte, schraubte diese nächtelang an Wände, Decke und Fußboden seines Musikzimmers und drehte am siebten Tag endlich den Verstärker, den die Holde nach gründlicher Beratung durch den HiFi-Dealer tatsächlich unbeirrt als „Ämplifeuer“ bezeichnete, beim Abspielen seines Lieblingsliedes „Es gibt Momente“ auf dermaßen volle Kraft auf, dass ihm beinahe die Befestigungsschrauben der Paneele um die Ohren flogen, während er mit geschlossenen Augen und weit aufgesperrten Nüstern genau diesen Moment genoss, ja umfing, und nicht mehr loszulassen beabsichtigte.

Kurze Irritation

Beispielfoto: Fähre

Wenn Flucht geraten wäre,
dann säß ich auf der Fähre.
Noch halte ich es aus
in meinem Ferienhaus.

Die Wellnessbläschen blubbern,
und Putzerfische schubbern
sich an den Armen fett.
Noch habe ich es nett.

Jedoch vor meiner Türe
glimmzischen Sprengzündschnüre,
wenn ich den Freunden glaub.
Ich hör nichts. Bin ich taub?

Vielleicht ist alles Jammern
aus meinen Echokammern
nur blinde Panik schier.
Jawohl, ich hol ein Bier.

Das Meer hinter der Scheibe,
beschließ ich, dass ich bleibe
und ruf den Pizzamann
an.