Probleme des Guitarrenwesens

guitarre

Der kleine Herr Schönleben, der das Geklimper auf dem Klavier wegen der Störgeräusche aus den benachbarten Wohnungen satt hatte, betrieb die Anschaffung eines alternativen Gerätes zur Lauterzeugung. Stundenlang lungerte er im örtlichen Pfandhaus herum und zupfte an den Guitarren, die erfolglose Musiker, genervte Ehefrauen und drogensüchtige Guitarristenkinder gegen geringes Entgelt zur Aufbewahrung abgegeben hatten.

Allein, der kleine Herr Schönleben konnte sich nicht entschießen, eines der Stücke zu erwerben. Zum einen schien seine körperliche Beschaffenheit nicht stabil genug, das Zupfen der scharfen Saiten zu überstehen. Zum anderen war er einfach zu klein, um gleichzeitig einen Akkord zu greifen und ihn über den Tonabnehmern anzuschlagen. Auf dem Klavier konnte er notfalls von einer Seite zur anderen laufen, wenn sich hohe Töne mit niedrigen abwechselten. Würde er versuchen, sich die Guitarre umzuhängen, könnte er nicht einmal über ihren sinnlos hohen Korpus hinwegsehen.

Folgerichtig verließ der kleine Herr Schönleben nach langer Überlegung das Pfandhaus und hatte eine aufkommende kleine Melancholie, nun doch nicht als der neue Chuck Berry in die Annalen der Musikgeschichte einzugehen, in der gleißenden Frühlingssonne des Februars bereits vergessen, bevor die Tür ins Schloss fiel.

Ungültige Wahl, vielleicht

marokko
Marokko. Auch schön mit Huhn.

Wehmütig erinnere ich die Zeiten, da ich mit beliebigen Leuten ein Gespräch anfangen konnte, harmlose Sätze austauschte, über das Wetter, das Befinden und das Wochenende, und wir lächelnd und in Frieden schieden. Heute allerdings muss man gewärtigen, dass jeder spontane Versuch einer unverbindlichen Kommunikation sofort zu einem Ausbruch peinlichsten Krakeels führen kann; ohne jeden Anlass wird verbal losgewütet, die Welt in den absonderlichsten Theorien ausschweifend und bizarr und offensichtlich völlig kenntnisfrei erklärt, auftrumpfend dumm wie ein aus großer Höhe gefallener, zerplatzender Kürbis.

So bemerkte letztens in der Briefwahlkabine nebenan eine Dame sinngemäß, dass ihr die Anzahl der Parteien auf dem Stimmzettel viel zu groß erschiene. Ich hätte schon vom Tonfall gewarnt sein müssen, gab aber zu bedenken, dass diese Vielfalt auch ihr Gutes habe, wenn jede Bürgerin genau das wählen könne, was ihr zusage. Der nachfolgende Schwall sinnloser Beschimpfungen des hiesigen Landes, dessen Zustand auch ich nicht hundertprozentig beglückend, aber einigermaßen erträglich finde, gipfelte in der lauthals gemaulten Feststellung, dass alles, und wirklich alles in Marokko, woher die Dame wohl eben aus dem All-Inclusive-Urlaub zurückgekehrt war, viel besser sei.

“Dann geh doch nach Marokko, du dummes Huhn!” brüllte ich außer Kontrolle, faltete meinen Stimmzettel, warf ihn ein und überlegte den ganzen Abend, wen ich eigentlich gewählt hatte.

Neulich nachts

mond
Der Mond auf dem Balkon

Als mir letztens der Mond auf den Balkon gefallen war, dachte ich: “Ohje, dann kommen wohl bald die Chinesen mit ihrem Raumschiff ‘Langer Schöner Marsch’!”

Nicht auszudenken, was das städtische Gesundheitsamt mir für Vorhaltungen machen würde, wegen dieses schlimmen kleinen Coronadingens!

Also holte ich die lange Leiter aus dem Keller, eckte überall im Treppenhaus an, wischte einen sorgfältig bearbeiteten Speckstein vom Flurregal (dieses Wort wollte ich schon immer einmal schreiben), erledigte die letzte, mit Funkenregen platzende NARVA-Glühlampe des Hauses und hängte aber zu guter Letzt den Mond wieder dahin, wo er hingehört.

Wird es mir jemand danken?

Das schlampige Sonett von der Erkältung

tropfen
Tropfen (Beispielfoto)

Nasenlöcher fluten Tücher
wie mit Reitern einst der Blücher
blutjes Feld geflutet hat.
Reglos liege ich und matt.

Könnte ich die Löcher stopfen?
Helfen eingesetzte Pfropfen?
Schmier ich in die Nase Leim?
Was passiert dann mit dem Keim?

Ach, ich heb den Zinken hoch,
höher, ja, ein bisschen noch,
Kopf nach hinten überdehnt.

Regnet es ins Nasenloch?
Laut beklage ich mein Joch.
Meine Holde aber gähnt.

Tempolimit in die Schranken gewiesen

bremse
Bremsen: Bald nur noch Sonderaustattung

Wie erst heute nach Lipsigrad durchsickerte, ist im Bundesrad wie erwartet die kommunistische Forderung nach einem generellen Tempolimit auf deutschen FührerAutobahnen zurückgewiesen worden. Die Gründe liegen auf der Hand und wurden wie folgt zusammengefasst.

Erstens erhöhen sich weder Unfallgefahr noch Unfallschwere bei höherem Tempo, das ist erwiesen. Im Gegenteil, die Kraftfahrer sehen und hören im Dahinrasen viel mehr und viel schneller. Außerdem beginnen die Bremsen moderner Automobile erst ab 180 km/h efffektiv zu arbeiten.

Zweitens wird bei höheren Geschwindigkeiten nicht mehr Kraftstoff verbraucht, sondern viel weniger, das ist naturwissenschaftlich belegt. Dadurch wird auch viel weniger Cejozwei produziert, als wenn man langsam fahren muss, denn das dauert ja viel länger. Auch der Abrieb von Asbest, Gummi und dem anderen Zeug, das nur in den Köpfen der grünen Moralapostel existiert, geht gegen null, je schneller man fährt.

Drittens muss der deutsche Mann schnell fahren. Er kann das ja auch (schnelles Auto), denn er ist in jeder Situation aufmerksam, rücksichtsvoll und diszipliniert. Deutsche Kraftfahrer sind die liebenswürdigsten, zuvorkommendsten, nettesten Menschen, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Viertens würden bei Inkrafttreten eines Tempolimits alle deutschen Länder, in denen Kraftfahrzeuge montiert werden, zahlungsunfähig, vulgo: Sie gehen Pleite. Das gefällt niemandem. Und durch die anderen, zurückgebliebenen Länder ohne Autoindustrie will man ohnehin nur ganz schnell durch- oder aus ihnen herausfahren. Wie soll das gehen mit Tempolimit? Stundenlang durch Sachsen-Anhalt zuckeln? Brandenburg? Vorpommern? Geht’s noch?

Die Höhe des Gebirges ist die Flachheit des Poems

gebirg

Manchmal ist es flach
oben auf der Höh.
Einsam ragt ein Dach
ohne weißen Schnöh.

Schwarze Äste kahl,
patzig ruht das Feld.
Ich dreh mich zum Tal,
dort erzeugt man Geld.

Hier erzeugt man Ruh.
Langsam wachs ich ein.
Holde, wo bist du?
Nimm den kalten Stein

in die warme Hand.
Gib ihm einen Drall,
wirf ihn weit ins Land.
Regentonne. Knall.

Schnell davongerannt.

Hausschuhe

kamelhaar

Ach, dachte ich, haben die Hausschuhe wieder einmal Besitz von mir ergriffen. Dabei hatte ich doch eigentlich extra dicke Socken angezogen, um der Dominanz der Hausschuhe zu entgehen. Ich schüttelte unmerklich den Kopf, ließ meinen Blick aus dem Fenster in die Ferne schweifen, damit mir nicht übel würde von der Höhe, aus der heraus ich nach unten auf die Hausschuhe gesehen hatte, und bemühte mich, an etwas anderes als die Hausschuhe zu denken.

Alles für deine Hose

schnellstrasse
Schnellstraße zum Schmelzerz

Rasend eilen zu den Bergen!
Wie sie heben sich empor!
Schwach besiedelt nur von Zwergen
mit der Haue hinterm Ohr.

Frische Erze will ich kaufen,
schmelze sie zu Hause ein
überm Tannenbäumchenhaufen,
lodernd heiß mit hellem Schein.

Gießen will ich die Metalle
schießlich in die schönste Form:
Als verschlungne Gürtelschnalle
nach der neusten Gießernorm.

Damit wird nun, keine Frage,
endlich halten deine Hose.
Und, ergibts die Rohstofflage,
gieß ich dir noch eine Rose,

die als Brosche an der Bluse
ein famoses Bild abgiebe,
als Bedingung für Geschmuse:
Heute ist der Tag der Liebe.

Born under a 13

keine-13
Das ist keine 13

Nur ganz kurz ein Wort zur 13.
Manche kann man damit reizen.
Aberglaube hebt Perücken
mancher Leute, wenn sie drücken

nur die Klinke einer Pforte
Nummer 13. Solche Orte
werden gerne ignoriert,
im Hotelgang ausradiert:

Zimmer 12, dann gleich die 14.
Willst du dir das Leben würzen,
sei geboren heute frech.
Der Beweis: Es gibt kein Pech,

das der 13 eigen ist.
Manchmal regnets eben Mist,
meistens Wasser, selten Gold.
Immer sei das Glück dir hold!

Niemals seiest du malade!
Apfelsaft und Limonade,
Hoch die Gläser, Skol, Salute!
Astrologin zieht ne Schnute.

Zur Kenntnisnahme

12
Das ist eine 12

Zwo null, zwo null, zwo, eins zwo.
Wie macht mich dies Datum froh.
Aufgereiht nur kleine Zahlen,
die nicht mit Bedeutung prahlen.

Grad mal neune quersummiert
und problemlos hingeschmiert:
Unterschrift aufs Dokument
und ans Amt zurückgesendt.

Ja, ich bin, ich werde sein,
alles ist auch halbwegs fein,
vielen Dank für Ihre Fragen,
will mich heut nicht damit plagen,

habe besseres zu schaffen
als ein Formular zu raffen.
Nagelt es an die Tapete,
ich steig jetzt in die Karete,

kaufe Bier und Wurst und Kuchen,
denn es werden mich besuchen
dehydrierte Hungernde,
vor dem Hoftor Lungernde,

kurz gesagt, die Freunde, lieben.
Diesmal, fürcht ich, mehr als sieben.
Allermindest sind es Neune:
Party in der Tabakscheune.

Dies dem Amt und allen Leuten,
neugierigen Klatschmaulmeuten
hiermit sei gebracht zur Kenntnis.
Lärm vom Plattenspieler dann bis

Haschmichmädchen still verklingt
und der Arm vom Teller springt.
Soviel also sei verraten.
Tschüß, ich muss jetzt Braten braten.

Der Pianist

schoenleben-klavier

Der kleine Herr Schönleben fand in einer Wohnung, von der er annahm, dass es die seine war, ein Piano vor. Er besetzte frohgemut den dazugehörigen Hocker und klimperte, ohne sich um die aufgeschlagenen Notenwerke zu kümmern, fröhlich drauflos. Kontrapunktische Musik umströmte seine perfekt angebrachten Ohren, benebelte seine Sinne und weckte nie erlebte Emotionen. Nach kurzer Zeit erfreute hinzukommendes, freejazziges Schlagwerk seine Sinne, von oben, von unten, von den Wänden klapperte es in freier Rhythmik, schließlich gellten Zimbeln von der Tür her, und der kleine Herr Schönleben hieb wie rasend in vollendetem Glücksrausch auf die Tastatur ein, bis er sich erschöpft nach hinten lehnte, den Zimbeln und quadrophonischen Klopf- und Hammerinstrumenten ihr wohlverdienstes, langsam ausklingendes Solo gewährte und die Session schließlich mit einem bewusst schief gesetzten, lang auslaufenden Akkord beendete. Dann hüpfte der kleine Herr Schönleben von seinem Hocker, eilte zum Kühlschrank und öffnete eine Fruchtmilch, von der er annahm, dass sie ihm gehörte.

2020, verspätet

2020

Jessas! Ich hab wohl verpennt,
weil die Zeit im Alter rennt
wie ein Gaul auf Steroiden.
Bin grad erst erwacht hinieden

nach Äonen tiefen Schlafes.
Ach, das hatte etwas Braves,
friedlich Stilles, fein Entspanntes,
aber nicht mehr Relevantes,

denn nun bin ich aufgeschreckt,
von den Amseln aufgeweckt,
frühreif schreiend auf den Giebeln.
Augen tränen wie von Zwiebeln,

als ich aus dem Fenster schaue.
Milder Reif bedeckt die Aue.
Der Kalender, digitaler,
macht die Augen mir noch schmaler:

Merde! Zwanzig neunzehn war.
Jetzt ist schon ein neues Jahr.
“Zwanzig-zwanzig”, stotter ich.
Alter! Sprich mal ordentlich!

Zeichenübung. Dicke Backe.
Hoher Kreis nach schiefer Zacke.
Und das ganze gleich nochmal.
Meine Handschrift malt voll Qual

krakelig und schönheitsarm
Jahreszahlen auf den Schwarm
ausgesuchter Neujahrskarten.
Karten, auf die Tanten warten,

schon die sechste Woche nun.
Leider, Tantchen, hatt zu tun.
Wünsch Dir herzlich Alles Gute,
bitte ziehe keine Schnute,

bleib gesund und bleibe munter.
Ich bring jetzt den Müll hinunter
und dann mache ich mir Käffe.
Allerliebst grüßt Dich

Dein Neffe